Landrat Raith besuchte Marijapflege und sprach über häusliche Pflege und die Zukunft der Pflege
Zwiesel. Dass sie an diesem Vormittag fast aufgeregter sei als an ihrem Hochzeitstag, gestand Mariia Acanfora ihren Gästen gleich zur Begrüßung. Kein Wunder: Der Besuch von Landrat Dr. Ronny Raith zählte zu den ersten offiziellen Terminen im Büro von Marijapflege in der Zwieseler Angerstraße 42. Gemeinsam mit Wirtschaftsförderin Teresa Sitzberger und der Zweiten Bürgermeisterin Elisabeth Pfeffer lernte der Landrat das Unternehmen kennen. Ziel von Marijapflege ist es, Menschen möglichst lange ein Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.
Zwar stehen noch nicht alle Möbel an ihrem Platz und die offizielle Eröffnung der Räume ist erst Anfang September, die Arbeit hat jedoch längst begonnen. Rund 30 Haushalte begleitet Marijapflege derzeit allein im Bayerischen Wald. Das Unternehmen vermittelt Betreuungspersonen aus Lettland, Litauen und Estland, die bereits über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen. Sie leben mit pflegebedürftigen Menschen zusammen und unterstützen sie im Alltag – von der Körperpflege über den Haushalt bis hin zu Arztbesuchen oder gemeinsamen Spaziergängen. Medizinische Leistungen übernehmen sie nicht. Wo diese erforderlich sind, arbeitet das Unternehmen mit ambulanten Pflegediensten zusammen.
Für Gründerin Acanfora ist das weit mehr als ein Geschäftsmodell. Die Wahl-Regenerin lebt seit zwölf Jahren in Niederbayern, spricht sechs Sprachen und bringt langjährige Erfahrung aus der Vermittlungsbranche mit. Ihr schwerbehinderter Bruder habe ihr früh vor Augen geführt, welche körperlichen und seelischen Belastungen Pflege für Angehörige mit sich bringen könne. Genau dort wolle die Unternehmerin ansetzen: mit persönlicher Beratung statt anonymer Vermittlung. „Nicht jede große Idee entsteht auf dem Reißbrett. Manchmal entsteht sie dort, wo jemand ein Problem kennt und eine Lösung sucht. Genau dieser Ansatz steckt für mich hinter Marijapflege“, meinte Sitzberger.
Dafür nimmt sich Acanfora Zeit. Noch bevor überhaupt eine Betreuung vermittelt wird, besucht sie die Haushalte persönlich, spricht über Wünsche und verschafft sich ein Bild der jeweiligen Lebenssituation. Erst anschließend sucht sie aus einem über Jahre aufgebauten Netzwerk nach einer passenden Betreuungsperson. Viele der Betreuungskräfte kennt sie bereits aus früheren Einsätzen. Unterstützung erhält sie dabei von einer Geschäftspartnerin im Baltikum, die sich dort um die Auswahl neuer Bewerberinnen und Bewerber kümmert. „Wir verstehen uns nicht als klassische Agentur“, sagte Acanfora. „Eigentlich sind wir zwei selbstständige Frauen, die ihre Erfahrungen bündeln und Menschen zusammenbringen.“
Wie wichtig Vertrauen bei diesem Thema ist, zeigt sich auch daran, wie viel Zeit manche Haushalte für ihre Entscheidung benötigen. Mehrere Beratungsgespräche über einen längeren Zeitraum seien keine Seltenheit, berichtete die Gründerin. Viele Familien würden lange versuchen, den Alltag selbst zu organisieren. „Bis es eben nicht mehr geht“, ergänzte Pfeffer. Gerade im ländlichen Raum sei deshalb eine wohnortnahe Beratung wichtig, die Orientierung gebe und Hemmschwellen abbauen könne.
Im Gespräch interessierte sich Landrat Dr. Ronny Raith besonders für den Ablauf der Vermittlung, die Zusammenarbeit mit Behörden und die organisatorischen Rahmenbedingungen. Da ausschließlich EU-Bürgerinnen und EU-Bürger vermittelt werden, seien ausländerrechtliche Fragen in der Praxis kaum relevant, erläuterte die Unternehmerin. Auch Teilangebote seien möglich, etwa wenn vor allem Unterstützung im Haushalt benötigt werde. Kurzfristige Einsätze ließen sich dagegen kaum umsetzen, da Vertrauen und Eingewöhnung Zeit bräuchten.
Die Nachfrage wächst stetig. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland bis 2055 um rund 37 Prozent auf etwa 6,8 Millionen steigen. Schon heute stoßen viele Angehörige an ihre Grenzen. „Die meisten von uns wünschen sich, so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben zu können. Dafür braucht es flexible Lösungen und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Es ist beeindruckend zu sehen, mit welchem persönlichen Engagement Sie dieses Thema angehen“, lobte Raith.
