Kunst, die zum zweiten Blick einlädt

Kunst betrachtet sich am besten nicht im Vorbeigehen: Landrat Dr. Ronny Raith (re.) ließ sich von der künstlerischen Leiterin Annemarie Pletl (2. v. re.) und Reinhard Wölfl (li.), Vorsitzender der Sektion Zwiesel des Bayerischen Wald-Vereins, durch den 62. Zwiesler Buntspecht führen. Zum gemeinsamen Foto kam auch Ursula Mühl hinzu – samt Blumenstrauß als Dankeschön für ihren unermüdlichen Einsatz an der Ausstellungskasse, die sie während der gesamten Laufzeit betreut. Foto: Miriam Lange / Landratsamt Regen.

Landrat Dr. Ronny Raith auf Besuch beim 62. Zwiesler Buntspecht

Pletl, Wölfl und Raith (v. li.) betrachten Arbeiten von Lara Lütke aus dem Danner-Schulwettbewerb der Glasfachschule Zwiesel. Foto: Miriam Lange / Landratsamt Regen.

Pletl, Wölfl und Raith (v. li.) betrachten Arbeiten von Lara Lütke aus dem Danner-Schulwettbewerb der Glasfachschule Zwiesel. Foto: Miriam Lange / Landratsamt Regen.

Zwiesel. Vier Euro für fast 370 Werke von rund 150 Kunstschaffenden – die wollte Landrat Dr. Ronny Raith am Eingang zum „Zwiesler Buntspecht“ unbedingt selbst investieren. Denn viel mehr Kunst für sein Geld dürfte man derzeit kaum bekommen. Gemeinsam mit der künstlerischen Leiterin Annemarie Pletl und Reinhard Wölfl, Vorsitzender der Sektion Zwiesel des Bayerischen Wald-Vereins, ging es hinein in eine Ausstellung, in der reichlich Gründe warten, nicht einfach nur durchzulaufen.

Malerei trifft hier auf Glas und Keramik, Stein auf Holz, etablierte Namen auf Nachwuchskunst. Veranstaltet wird der Buntspecht seit seinen Anfängen 1963 von der Zwieseler Sektion des Wald-Vereins. Heute reicht sein Einzugsgebiet weit über den Bayerischen Wald hinaus: Neben Kunstschaffenden aus Bayern und Tschechien ist heuer auch Oberösterreich vertreten. „Inzwischen kommen Künstler auch selbst auf uns zu“, erzählt Pletl. Die Ausschreibung finde ihren Weg längst über klassische Netzwerke hinaus, auch über Social Media. Eine Jury trifft die Auswahl, Pletl fügt die Arbeiten anschließend gemeinsam mit den Ehrenamtlichen des Wald-Vereins zur Ausstellung zusammen.

Ihre stillen Erfolgsmeldungen hängen direkt daneben: rote Punkte. Verkauft. Etliche sind bereits zu entdecken – einer auch an einem Werk Pletls, die selbst als Malerin vertreten ist. „Natürlich freut uns jeder rote Punkt“, sagt Wölfl. Denn von den Verkäufen profitiert auch der veranstaltende Waldverein.

Die Ausstellung zeigt auch das Modell der „Flösser“ von Siegfried Schriml. Das entsprechende Denkmal aus Bronze und Granit steht an der Luitpoldbrücke in Zwiesel. Foto: Miriam Lange / Landratsamt Regen.

Die Ausstellung zeigt auch das Modell der „Flösser“ von Siegfried Schriml. Das entsprechende Denkmal aus Bronze und Granit steht an der Luitpoldbrücke in Zwiesel. Foto: Miriam Lange / Landratsamt Regen.

Vor einem ganz anderen Federvieh bleibt der Rundgang hängen. Die Braunauer Künstlerin Melanie Uttenthaler hat Hühner zum Motiv gemacht. Pletl erinnert sich an ein eigenes Experiment an der Volkshochschule: „Ich habe meine Schüler einmal Hühner zeichnen lassen, ohne aufs Blatt zu schauen.“ Das Ergebnis? „Wunderbare Sachen. Gerade weil man dabei eben anders hinschaut.“ Kunst beginnt für sie offenbar nicht erst beim fertigen Bild.

Bei den Skulpturen ziehen vor allem die Arbeiten von Lothar Blitz Raiths Blick auf sich. „Gemeinsam auf Flügeln“ und „Arche“ etwa sehen aus wie Bronze, sind aber Keramik. Raith traut dem schönen Schein nicht ganz und macht eine vorsichtige Klangprobe. Tatsächlich Keramik. „Das hätte ich nicht gedacht“, räumt er ein.

Dass der Buntspecht nicht allein aus dem besteht, was am Ende sauber ausgeleuchtet auf Sockeln und an Stellwänden präsentiert wird, zeigt heuer ein Tablet am Eingang. Ein Blick hinter die Kulissen dokumentiert den Ausstellungsaufbau; rund 40 Menschen wirken von Planung und Juryarbeit bis zur Präsentation mit. Im Obergeschoss konnten zudem marode Stellwände mit Unterstützung aus regionalen LEADER-Mitteln ersetzt werden. „Das hilft uns enorm“, sagt Wölfl. Gerade für einen ehrenamtlich getragenen Verein seien solche unkompliziert erreichbaren Fördermöglichkeiten wichtig.

Oben wartet schließlich der Teil des Rundgangs, bei dem Raith einem Stück eigener Vergangenheit begegnet. Die große Sonderausstellung ist Siegfried Schriml gewidmet. Der Maler, Grafiker und Kunstpädagoge hinterließ ein vielseitiges Werk von Zeichnung und Malerei über Druckgrafik bis zu Emaille- und Bronzearbeiten. Auch im öffentlichen Raum hat er in Zwiesel Spuren hinterlassen, etwa mit dem Hirtenbrunnen im Stadtpark und dem Flößerdenkmal. Raith kannte ihn zunächst in einer anderen Rolle. „Ich hatte ihn am Gymnasium Zwiesel – als Kunstlehrer und als Skilehrer“, erinnert sich der Landrat. Jahrzehnte später steht der ehemalige Schüler nun vor den Arbeiten seines früheren Lehrers. Besonders Schrimls Landschaftsskizzen ziehen ihn an: Motive aus der Toskana und Apulien, mit wenigen Strichen eingefangen. „Die gefallen mir ausgesprochen gut“, sagt Raith.

Wie gegenwärtig ein Künstler durch die Dinge bleiben kann, die er hinterlässt, hat Wölfl selbst erlebt. Für die Sonderausstellung war er in Schrimls Atelier. „Man hatte das Gefühl, er hätte gerade den Pinsel hingelegt und wäre nur kurz aus dem Zimmer gegangen“, erzählt er. Ähnlich sei es ihm bei Hajo Blach ergangen, dem die Sonderausstellung des vergangenen Jahres gewidmet war. „Die Künstler sind nicht mehr da – aber in diesen Räumen ist noch unheimlich viel von ihnen.“

Neben dem Blick zurück gehört beim Buntspecht seit vielen Jahren der Blick nach vorn dazu. Eng verbunden ist die Ausstellung seit ihren Anfängen mit der Glasfachschule Zwiesel. Bis heute präsentiert sie hier ihren Nachwuchs, heuer mit prämierten Arbeiten des Danner-Schulwettbewerbs zum Thema „FREIHEIT!?“. So wird Glas nicht nur als traditionsreicher Werkstoff der Region sichtbar, sondern als Material, an dem eine neue Generation ihre eigenen Ideen ausprobiert.

Dass eine solche Ausstellung seit mittlerweile 62 Ausgaben ehrenamtlich getragen wird, findet Raith alles andere als selbstverständlich. „Dahinter steckt unglaublich viel Arbeit. Das sieht man als Besucher nicht unbedingt, aber vielleicht sollte man es gerade deshalb einmal sagen.“

Noch bis 30. August bleibt Zeit zum eigenen Spechten: Der 62. Zwiesler Buntspecht ist täglich von 13 bis 18 Uhr in der Mittelschule Zwiesel, Böhmergasse 7, geöffnet.

Meldung vom: 21.08.2026