Erkennen, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft

Sie hörten Prof. Dr. Ursula Münch (re.) aufmerksam zu, v.li.: Sigrid Kick, Frederick Fauser, Landrätin Rita Röhrl und Dr. Edith Aschenbrenner. Foto: Langer/Landkreis Regen

Erste Demokratiekonferenz im Landkreis Regen – Prof. Dr. Ursula Münch referierte in Teisnach

Sie hörten Prof. Dr. Ursula Münch (re.) aufmerksam zu, v.li.: Sigrid Kick, Frederick Fauser, Landrätin Rita Röhrl und Dr. Edith Aschenbrenner. Foto: Langer/Landkreis Regen

Sie hörten Prof. Dr. Ursula Münch (re.) aufmerksam zu, v.li.: Sigrid Kick, Frederick Fauser, Landrätin Rita Röhrl und Dr. Edith Aschenbrenner. Foto: Langer/Landkreis Regen

Teisnach. Der Landkreis Regen ist Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“. Zum Projekt gehören auch regelmäßige Demokratiekonferenzen. Zur ersten Konferenz hatte die zuständige Kommunale Jugendpflegerin Dr. Edith Aschenbrenner in den Campus nach Teisnach eingeladen. Dabei konnte Dr. Aschenbrenner mit Prof. Dr. Ursula Münch, der Leiterin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, eine bundesweit bekannte Hauptrednerin gewinnen.

„Uns beschäftigt die Frage, wie wir unsere Demokratie mit jungen Leuten schützen“, sagte Dr. Aschenbrenner bei der Begrüßung der Gäste. Landrätin Rita Röhrl pflichtete ihr bei. Röhrl fragte, warum immer weniger Menschen Demokratie zu schätzen wissen. Natürlich habe das System auch Fehler und Schwächen, aber: Sie selbst kenne kein besseres. „Deutschland braucht eine starke Demokratie“, betont die Landrätin und dafür sollten sich alle einsetzen. Sie habe sich persönlich für die Projektbeteiligung engagiert und nachdem auch der Jugendhilfeausschuss einstimmig dafür stimmte, hoffe sie, dass man nun weitere Verbündete in den Gemeinden, Vereinen, Schulen und auch in Firmen im Landkreis findet. Abschließend forderte Röhrl: „Bitte achtet nichts gering, wofür andere ihr Leben einsetzen.“ Nach einem kurzen Grußwort von Abteilungsleiter Frederick Fauser hatte dann die Referentin Prof. Dr. Münch das Wort.

Zeiten der großen Transformationen

Prof. Dr. Ursula Münch warb für die Demokratie. Foto: Langer/Landkreis Regen

Prof. Dr. Ursula Münch warb für die Demokratie. Foto: Langer/Landkreis Regen

„Hätte ich diesen Vortrag schon vor zwei Monaten gehalten, hätte ich zu Beginn nur darauf hingewiesen, dass wir in Zeiten großer Transformationen leben, die das Potential besitzen, das Leben der meisten Menschen auf unserem Globus dramatisch zu beeinflussen“, sagte sie einleitend und sprach so vier globale Themen an: Die Erderwärmung, die digitale Transformation, „die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Migration und viertens die Coronapandemie.“ All diese Themen haben großen Einfluss auf die Entwicklungen weltweit. „Inzwischen überlagert natürlich die Frage von Krieg und Frieden das alles und macht das Thema Ihrer ersten Demokratiekonferenz in Regen noch drängender“, stellte die Leiterin der Akademie für politische Bildung fest.

Bei dem Konflikt gehe es wohl „um nicht weniger als um die Freiheit ganz Europas. Der Antagonismus unserer Zeit ist Demokratie versus Autokratie. Aber bei aller berechtigen Sorge um den Frieden in Europa müssen wir im Blick behalten, dass die genannten großen Transformationen ebenfalls drängende Fragen aufwerfen. Zum Beispiel nach der Konzentration von wirtschaftlicher und politischer Macht, nach Klimagerechtigkeit, Teilhabe und Zugang. Schon vor dem russischen Angriff traf zu, was der Blogger Sascha Lobo in seinem Buch über den Realitätsschock schreibt, den alle westlichen Gesellschaften erlitten hätten: ´Plötzlich müssen wir erkennen, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft´“, so Prof. Dr. Münch weiter.

Extremisten füllen entstehendes Vakuum

Des Weiteren sprach sie eine aktuelle Umfrage des Allensbach Instituts an, wonach 31 Prozent der Bundesbürger glauben, dass wir nur scheinbar in einer Demokratie leben und tatsächlich der Bürger nichts zu sagen hat. Das Phänomen sei nicht neu, so die Referentin weiter, die auch aufzeigte, dass der Vertrauensverlust in Ostdeutschland wesentlich größer als im Westen ist. Ein Teil der Bevölkerung glaube, dass die Vor- und Nachteile des globalen Handels, der Europäisierung sowie der Digitalisierung ungleich zwischen der normalen Bevölkerung und den sog. Eliten verteilt werden. Dieser Teil der Bevölkerung mache den Volksparteien den Vorwurf, sie hätten die Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen der eigenen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten immer wieder ignoriert, unter anderem bei der Eurorettung sowie in der Migrationspolitik. Der Vorwurf zeige sich auch im Auseinanderfallen der parlamentarischen Mehrheiten. „Bei beiden Themen vertrat am Höhepunkt der jeweiligen Krise keine im Bundestag vertretene Partei die Position, die in Bevölkerungsumfragen mehrheitlich unterstützt wurde. Es tat sich also tatsächlich eine sog. Repräsentationslücke auf“, stellt Prof. Dr. Münch fest und verweist zudem darauf, dass zugleich Großorganisationen wie Kirchen, Gewerkschaften, politische Parteien oder Verbände aus sehr unterschiedlichen Gründen Mitglieder und Unterstützung einbüßen. Doch gerade diese Organisationen hätten zuvor eine Orientierungsfunktion gehabt. In dem entstandenen Vakuum würden sich nun Extremisten und Populisten breitmachen.

Die Mäßigung geht verloren

Hinzu kommt ihrer Meinung nach noch die negative Seite der digitalen Kommunikation. Vor allem im Internet gebe es kaum mehr Schranken. So könne jeder Dinge behaupten, eine Überprüfung von Inhalten findet nur teilweise statt. „Die Zuspitzung und Emotionalität fördert die Aufmerksamkeit für populistische Argumentation“, stellt die Referentin fest. Die fünfte Gewalt, die freie Presse, werde durch „vernetzte Viele“ ersetzt, auch dies berge Gefahren. „Wenn die Mäßigung im politischen Diskurs verloren geht, dann verändert sich auch der für die Demokratie so wichtige öffentliche Diskurs“, bedauert Münch.

Was ist zu tun?

„Zunächst komme ich mit meiner Standardantwort, die ich auch den Parteien und Politikern immer gebe. Gegen schlechte Politik kann auch gute politische Bildung nichts ausrichten“, antwortet Münch auf die Frage, was man tun kann. „Bezogen auf meine bisher angesprochenen Punkte heißt das auch, gegen den selbst verschuldeten Vertrauensverlust von Politik, Wirtschaft und auch Medien können die politische Bildung und Demokratiekonferenzen nichts ausrichten. Aber, gegen die anderen Ursachen des Vertrauensverlusts kann politische Bildung aber sehr wohl etwas ausrichten“, macht Prof. Dr. Münch Mut. Sie sieht die Bürger in der Pflicht, auf die großen Transformationen und beschriebenen Ängste zu reagieren – und zwar mit Besonnenheit. Dazu gehöre auch, dass man Themen, wie den drohenden Wohlstandsverlust auch anspricht und diskutiert.

Fachwissen anerkennen

Abschließend ermunterte die Referentin die Anwesenden, dazu Zivilcourage zu zeigen: „Den Vereinfachern widersprechen – jedoch ohne berechtigte Kritik zu übergehen. Auch das gehört zur freiheitlichen Demokratie“, sagt sie und dazu gehörten das gegenseitige Zugestehen von Rechten und auch das Anerkennen von Fachwissen. „Meines Erachtens sollte man nicht nur auf die eigene Expertise verweisen, sondern auch die Expertise der anderen, von Militärs, Virologen, Politiker, Journalisten, Ärzte, Lehrer etc., anerkennen. Und jeder sollte für sich selbst zur Kenntnis nehmen, dass der Besitz eines Smartphones den Besitzer selbst noch nicht smart macht.“

Nach dem Referat stellte Dr. Aschenbrenner noch einmal das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ vor und die zuständige Fachkraft der Koordinierungs- und Fachstelle Sigrid Kick berichtete von ersten Projekten, wie der Gründung eines Jugendforums in Bodenmais. Zudem erklärte sie, wie Förderanträge gestellt werden können.

Meldung vom: 28.04.2022